Güterwagen-Drehgestelle: Blech und Winkel - Preussen, Elsass-Lothringen 1883/84

Version 2.01.94.1, Stand: 31. März 2015

Inhaltsverzeichnis - Blech und Winkel Hauptseite - Preussen, Elsass-Lothringen 1883/84 - Elsass-Lothringen, 2500 mm Achsstand - Baden, 1850 mm Achsstand - preussisch, VI d 7 III. Auflage - Prinz Heinrich Eisenbahn (Luxemburg), 1911Austauschbauart, deutsch - Österreich, N 28, N 36 - Talbot, 1925 - Frankreich, Y 7 - andere Blech und Winkel-Drehgestelle - nächstes Kapitel - Impressum


Preussen als eisenbahntechnische Provinienz
Die Entwicklung des Eisenbahnwesens im Königreich Preussen lag zunächst vor allem in Händen privater Eisenbahnunternehmungen. Durch Annexionen und Beteiligungen gelangten ab Mitte der 1860er Jahre immer mehr Bahnen in Staatsbesitz, aber erst um 1880 entstand ein Gebilde, das eine gewisse Standardisierung des Materials ("Normalien", Musterblätter") erforderlich und möglich machte.
Zuständig für die Beschaffung (auch der Wagen) waren die einzelnen Direktionen, die, in dem sie sich grundsätzlich an die "Musterblätter" gehalten haben, die Eisenbahnprovinienz "Preussen" gebildet haben.
Dies kann generell auch für die Entwicklung von Drehgestellen gesagt werden. Allerdings waren Drehgestell-Güterwagen zu dieser Zeit "Spezialwagen", die nur auf Grund besonderer und teils unterschiedlicher Gegebenheiten (beispielsweise Direktionen Essen, Altona) beschafft wurden. Daher gab es für die Drehgestelle noch keine eigenen Musterblätter, diese waren Bestandteil des Wagen-Musterblattes. Die mir bislang bekannten Dokumente deuten dennoch darauf hin, dass sich die Konstrukteure von Drehgestellen an diesen Vorgaben orientiert haben.

Als gemeinsames Merkmal dieser älteren "preussischen" Blech und Winkel-Drehgestelle kann die Gestaltung der Seitenwangen-Stehbleche mit den zu den Kopfquerträgern hin geraden, nicht verstärkten Unterkanten, gelten. (Zum Vergleich: Bei den jüngeren "preussischen" Blech und Winkel-Drehgestellen sind die seitlichen Unterkanten der Seitenwangen ausgerundet und mit aufgenieteten Winkeln verstärkt.)

 

 Preussen, 1883/84
Blech und Winkel-Drehgestell, preuss., 1884; Grafik: Hermann Jahn   Blech und Winkel-Drehgestell, preuss.,
  für Plattformwagen, 20 t Tragfähigkeit
  nach Blatt II c 9 (1883/84)

   Skizze: Hermann Jahn, auf der Basis einer Zeichnung in: 
   Ossig, Rudolf: Die Osterglocke (= HP 1, Heft 29, S. 34
   Zeichnung: Slg. Günter. Weimann)


Blech und Winkel-Drehgestell, ältere preuss. Ausführung; Foto: Marc Schmitz   Blech und Winkel-Drehgestell, preuss.
  für Plattformwagen, 20 t Tragfähigkeit
  nach Blatt II c 9 (1883/84)

  CFV3V, X 912 (Museums-Dienstwagen der Museumsbahn
  "Chemin de fer à vapeur des trois vallées", Treignes, Belgien
  ex SNCB Dienstgüterwagen, Ua 30 88 972 0 592 -5

  ex ?
  Foto: Marc Schmitz, B-Treignes, 5. Mai 2009

Aller Wahrscheinlichkeit nach ist dieser Wagen im Rahmen von Reparationslieferungen (siehe unten) in den Bestand der SNCB gelangt und dürfte dort bald in den Park der Dienstgüterwagen übergegangen sein.
In seinen Abmessungen und der Gestalt der Seitenwangen nach entspricht es eindeutig dem Typ der älteren preussischen Blech und Winkel-Drehgestelle. Die Flansche der die inneren Federböcke bildenden Winkeleisen sind wie bei der elässisch-lothringischen Ausführung nach innen zum Hauptquerträger hin gekehrt. Sie sind bis in etwa halber Höhe - entsprechend der Bauhöhe der Federbocklager - voll,  im oberen Bereich jedoch abgeschrägt ausgeführt.


Elsass-Lothringen, 1884
Blech und Winkel-Drehgestell, elsäss.-lothring., 1884; Grafik: Hermann Jahn   Blech und Winkel-Drehgestell, elsäss.-lothr.
  für Plattformwagen, 25 t Ladegewicht
  Länge über Puffer 13,30 m (1884/1890)

   Skizze: Hermann Jahn, auf der Basis einer Zeichnung in: 
   Trouillet, Jean-Georges: Personen- und Güterwagenver-
   zeichnis der Reichsbahnen in Elsass-Lothringen und 
   Wilhelm-Luxemburg Eisenbahnen (1871 - 1918), 
   CD-ROM, (Selbstverlag des Verfassers) Schiltigheim 2007

Auffällig ist an diesem Drehgestell, dass die Handbremse nur einseitig, von den Kopfquerträgern her, auf die Laufflächen der Radsätze beider (!) Drehgestelle wirkt.

Technisch ist es in seinen Abmessungen mit dem preussischen Drehgestell von 1883 weitestgehend identisch. Markant unterschiedlich ist lediglich die Ausführung der Winkel-Profile zur Aufnahme der inneren Federböcke: beim preussischen Drehgestell scheinen diese nur bis etwa in halbe Höhe zu reichen, während sie sich beim elsäss.-lothringen Drehgestell über die gesamte Höhe der Seitenwange erstrecken.

Zur der als Grundlage genutzen Wagenzeichnung ist anzumerken, dass diese Angaben in französischer Sprache enthält, also wohl erst nach 1918, möglicherweise unter Nutzung einer älteren Vorlage entstanden ist. Sieht man von der Bremsanlage ab, scheinen sich die das preuss. und das elsäss.-lothring. Drehgestell bis auf die Ausführung der inneren Federbockwinkel weitgehend zu entsprechen.

Zum Vergleich: Preußen, 1904 (siehe ausführlich preussisch, VI d 7 III. Auflage)
Blech und Winkel-Drehgestell, preussisch, VI d 7 III. Auflage, Skizze nach Unterlagen des RAW Eberswalde (Sammlung Westermann)   Blech und Winkel-Drehgestell, preuss.
  für Plattformwagen, 30 t Ladegewicht
  nach Blatt VI d 7 III. Auflage (1904)

  Skizze: Hermann Jahn nach einer Skizze
   des RAW "8. Mai" Eberswalde vom 16. 1. 57
   (Sammlung Harald Westermann)

Durch diese Gegenüberstellung sollen die Unterschiede zwischen den "älternen" und dem "neuen" Blech und Winkel-Drehgestell veranschaulicht werden.

Augenfällig sind die äußeren Unterkanten der Seitenwangen. Diese sind bei den älteren Drehgestellen gerade und nicht mit aufgenieteten Winkeln verstärkt. (1904: ausgerundete, mit Winkeln verstärkte Kanten). Nicht ganz so signifikant, aber immer noch auch in Skizzen erkennbar, sind die unterschiedlichen Seitenwangenhöhen: 470 mm bei den älteren, 500 mm bei der jüngeren Ausführung nach Blatt VI d 7 III. Auflage. (Bitte diese "III. Auflage" bei der Drehgestell-Bezeichnung nicht vernachlässigen, das gleiche Blatt in II. Auflage zeigt nämlich ein Diamond-Drehgestell!).
 

Älteres Blech und Winkel-Drehgestell mit Ausgleichshebel
Blech und Winkel-Drehgestell mit Ausgleichshebeln; Grafik: Hermann Jahn   Blech und Winkel-Drehgestell
  mit Ausgleichshebel

  Grafik: Hermann Jahn nach einer Wagenskizze in: 
   Vandenberghen, Ir. J.: Bestand von het goederenmateriell 
   von de Belgische staats- en privéspoorwegen 1835 - 1926.
   SNCB, Directie van het materieel,Brussel (1984?)

Dieses Drehgestell gehörte zu einem Schienenwagen mit 25 t Ladegewicht und 12,0 m LüP, der nach dem Ersten Weltkrieg als sogenannter "Waffenstillstandswagen" in den Bestand der Belgischen Staatsbahnen gelangte und dort unter der Wagennummer  "370 819" geführt wurde. Vermutlich war es den belgischen Behörden angesichts der Flut angelieferter Wagen (insgesamt gelangten damals rund 62 000 Wagen von Deutschland nach Belgien) nicht möglich jeden einzelnen Wagen umfassend zu dokumentieren. Möglicherweise ist dieser Wagen wegen seiner Drehgestelle aufgefallen und vielleicht als "Muster" für ähnliche Wagen vermessen worden.

Im Vergleich mit den anderen älteren Blech und Winkel-Drehgestellen fällt die auch gegenüber dem jüngeren preussischen Drehgestell deutlich höhere Seitenwange auf. Diese Bauhöhe ist offensichtlich durch den Ausgleichshebel bedingt. Unklar ist jedoch, weshalb dieser Ausgleichshebel so tief angesetzt wurde und wie man sich die innere Aufhängung der Federn vorzustellen hat.

Daten
 Blech und Winkel-Drehgestelle  preuss. 1883  el.-lothr. 1884  preuss. 1904
 Zeichnungsnummer  II c 9    VI d 7 III Aufl.
 Ladegewicht (Wagen)  20 t  25 t  30 t
 Gesamtlänge (Innenkanten Kopfquerträger)  3300 mm  3300 mm  3390 mm
 Achsstand  2000 mm  2000 mm  2000 mm
 maximaler Laufkreis-Durchmesser  940 mm  940 mm  940 mm
 Innenabstand der Achshalter  1480 mm  1480 mm  1500 mm
 Seitenwangenhöhe im Bereich d. Hauptquerträgers  470 mm  470 mm  500 mm
 Dicke der Seitenwangenbleche    12 mm  12 mm
 Profil (Ober-/Untergurt) L 100/...  .../65/9  .../70/10  .../70/10
 Achsschenkelmittenabstand  (1956 mm)  (1956 mm)  1956 mm
 Blatt-Tragfedern      VI d 7 III. Aufl.
   Gestreckte Länge      1100 mm
   Anzahl der Federblätter      10
   Federblatt-Querschnitt      90 x 13 mm
 erstes Baujahr  1883   1884   1904 

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