Güterwagen-Drehgestelle: Blech und Winkel

Version 4.01.97.2, Stand (Inhalt): 19. Mai 2015

Inhaltsverzeichnis - Blech und Winkel Hauptseite - Preussen, Elsass-Lothringen 1883/84 - Elsass-Lothringen, 2500 mm Achsstand - Baden, 1850 mm Achsstand - preussisch, VI d 7 III. Auflage - Prinz Heinrich-Eisenbahn (Luxemburg), 1911Austauschbauart, deutsch - Österreich, N 28, N 36 - Talbot, 1925 - Frankreich, Y 7 - andere Blech und Winkel-Drehgestelle - nächstes Kapitel - Impressum

Die Blech und Winkel-Drehgestelle sind in konstruktions- und lauftechnischer Hinsicht Weiterentwicklungen der Fachwerk- und Blechwangen-Drehgestelle und unterscheiden sich grundlegend von den im folgenden Kapitel behandelteten Diamond-Drehgestellen.

Entwicklungsgeschichtlicher Hintergrund
Zu Beginn der 1880er Jahre hatte die sich gegenseitig beeinflussende Entwicklung von Industrie und (Eisenbahn-)Verkehr einen Stand erreicht, der insbesondere zum Transport von Stahlerzeugnissen und Walzprodukten längere, also vierachsige Wagen erforderte. Die meisten europäischen Bahnverwaltungen dürften diesen Anforderungen skeptisch gegenüber gestanden haben. Wagen die nur für ganz bestimmte Ladegüter verwendbar waren, galten nach damals geltenden Kriterien als unwirtschaftlich. Möglicherweise hätte man gern die Beschaffung solcher Spezialwagen den Herstellern solcher Erzeugnisse überlassen, wäre man selbst nicht auf eines dieser Erzeugnisse angewiesen gewesen: Schienen.

Zögerlich, wohl eher am eigenen Bedarf orientiert, begann die Beschaffung solcher Spezialwagen. Zum Verständnis der damaligen Befindlichkeiten vergegenwärtige sich man vielleicht die Vorgänge um die "Maschinenfabrik und Eisengiesserei in Kirchheim unter Teck" oder die Geschichte des Bethel Henry Strousberg.

Technisch orientierte man sich zunächst am Vorhandenen, Bewährten - auch in Bezug auf die Laufwerke solcher Wagen. Die erste Generation von Schienenwagen mit einem Ladegewicht von 20 und 25 t dürfte überwiegend auf Drehgestellen mit festem Rahmen (Fachwerk, Blechwangen, Blech und Winkel) gelaufen sein. In der zweiten Hälfte der 1880er Jahre, etwa zeitgleich mit dem Aufkommen der nächsten Generation Schienenwagen mit 30 t Ladegewicht, setzte auch in Europa die Entwicklung von Diamond-Drehgestellen ein. Diese gewannen rasch an Bedeutung, da einige Verwaltungen, unter auch anderem die preussischen Staatseisenbahnen, zumindest zeitweise so gut wie ausschließlich Diamond-Drehgestelle beschafft haben. Gleichwohl gerieten die Blech und Winkel-Drehgestelle nicht ganz in Vergessenheit, so dass fortan die Drehgestellentwicklung mehr oder weniger parallel verlaufen ist.

Konstruktionsprinzip
Blech und Winkel-Drehgestelle haben Seitenwangen aus Blechen, die durch aufgenietete Winkelprofile versteift sind. Die Achsen sind gegenüber dem Drehgestellrahmen mit Blattfedern abgefedert. Die schräge Aufhängung der Federn mit Laschen an den Seitenwangen erlaubt es den Achsen, sich dem Kurvenverlauf anzupassen ("Lenkachsen"). Eine weitere Abfederung des Rahmens gegenüber dem Wagenkasten ("Wiege") ist normalerweise nicht vorhanden. In Einzelfällen wurden aber für schnelllaufende Güterwagen Blech und Winkel-Drehgestelle auch mit Wiege gebaut. Blech und Winkel-Drehgestelle haben Kopfquerträger, die den Einbau einer zweiseitig wirkenden Bremse ermöglichen.

Lauftechnische Unterschiede zwischen Blech und Winkel-Drehgestellen und Diamond-Drehgestellen.
Bei Diamond-Drehgestellen sind die Achsen starr in den Seitenrahmen gelagert. Bei Blech und Winkel-Drehgestellen ergibt sich durch die Aufhängung der Federn mit schräg gestellten Laschen prinzipiell ein gewisses Quer- und Längsspiel der Achsen, die sich so dem Kurvenverlauf entsprechend einstellen können.

Zum anderen sind Diamond-Drehgestelle aufgrund des nicht fest mit dem seitlichen Rahmen verbundenen Querträgers ("Bolster") prinziell verwindungsweich. Dem gegenüber sind bei Blech und Winkel-Drehgestellen Seitenwangen, Hauptquerträger und die beiden Kopfquerträger fest miteinander verbunden und daher relativ verwindungssteif.

Durch die Weiterentwicklung der Diamond-Drehgestelle zu Three Piece Bogies erlangten diese lauftechnischen Unterschiede  fundamentale Bedeutung. Während Three Piece Bogies auch auf schlecht verlegten Gleisen relativ entgleisungssicher sind, erfordern Drehgestelle mit fest verbundenen Seitenwangen, also auch Blech und Winkel-Drehgestelle und deren Weiterentwicklungen, präzis verlegte Gleise und einen kontinuierlich unterhaltenen Oberbau.

Um Missverständnissen vorzubeugen, sei hier ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der hier angedeutete Gegensatz "TPB = verwindungsweich/Kastendrehgestelle = verwindungssteif" bewusst überbetont ist. Auch klassische Kastendrehgestelle waren Verwindundungen ausgesetzt und bei neueren Konstruktionen, spätestens ab den 1960er Jahren wurde dem Aspekt der "Verwindungsweichheit" besondere Aufmerksamkeit geschenkt. 
 

Quellen:
Behrends, Helmut; Hensel, Wolfgang; Wiedau, Gerhard: Güterwagen-Archiv 1. Länderbahnen und Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft. Berlin, 1989
Deutsche Bundesbahn: Merkbuch für die Fahrzeuge der Reichsbahn/Deutschen Bundesbahn. IV. Wagen (Regelspur) DV 939 d, Teil A, Ausgabe 1948 (Nachdruck Alba Verlag, Düsseldorf)
Deutsche Reichsbahn, Reichbahn -Zentralamt Berlin, Dezernat 28: Die Güterwagen der Regelbauart - Übersichtszeichnungen. Berlin 1945 (Originalzeichnungen auf CD-ROM, Herausgeber und Vertrieb: Schiffer, Viktor; Wuppertal und Janssens, Luc; Lier - Belgien)
Diener, Wolfgang: Deutscher Staatsbahnwagenverband, Teil 3: Vierachsiger Schienenwagen von 35 000 kg Ladegewicht und 15 m Ladelänge nach Musterzeichnung A 3 (in: Eisenbahn Journal, Heft 1/1990, S. 68 - 72)
Dupuy, Jean Marc; Buchmann, Jean; Mayer, Bernhard: L'Encyclopédie des Chemins de Fer d'  Alsace-Lorraine. 2 Bände, Edition Loco-Revue (ISBN  2-903651-29-9, bzw. -30-2, 1998/2000)
Trouillet, Jean-Georges: Personen- und Güterwagenverzeichnis der Reichsbahnen in Elsass-Lothringen und Wilhelm-Luxemburg Eisenbahnen (1871 - 1918), CD-ROM, (Selbstverlag des Verfassers) Schiltigheim 2007
Vandenberghen, Ir. J.: Bestand von het goederenmateriell von de Belgische staats- en privéspoorwegen 1835 - 1926. SNCB, Directie van het materieel,
Brussel (1984?)

Zur Geschichte der "Maschinenfabrik und Eisengiesserei in Kirchheim unter Teck" siehe:
http://www.bds-kirchheim-teck.de/NewFiles/Standort/Standort_m.html
Töppel-Wolf, Jens: Die Maschinenfabrik Kirchheim/Teck. Nachdruck eines Artikels aus dem "Teckboten" vom 13. März 1971 (in: "Die Selfkantbahn", Heft 04/05,
Seite 11 bis 16

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