Güterwagen-Drehgestelle: Pressblech, genietet - Einführung

Version 5.01.99.1, Stand: 18. April 2018

Inhaltsverzeichnis - Pressblech, genietet -  nächstes Kapitel - Impressum

Einführung - Fox, Leeds - Fox, 1893 - Preussen, Prototyp, 1892 - Exkurs Reisezugwagen - Krupp, 1902 - Tientsin-Pukow, 1909 - Finnland K5, 1912 - Andere Fox-Drehgestelle -

Ungarn, um 1900 - Österreich, 1906 - Frankreich, 1904 und 1923 - Verbandsbauart, B 24 - preussisch, Ci 149 - Frankreich, Y 13 - Saar 

Zur Enbtwicklung der Pressblechtechnik - Zur Konzeption des Kapitels


Als Pressblech-Drehgestelle werden Drehgestelle bezeichnet, deren wesentliche Rahmenbauteile (Seitenwangen, Querträger usw.) aus gepressten Stahlblechen gefertigt sind.

Bei der Pressblechtechnik werden mit hydraulischen Pressen Bleche verformt, gesickt und an den Ränder gekantet. Durch die eingepressten Sicken und Kanten werden die Bleche versteift, so dass Gewicht und Material eingespart wird, weil auf eine Verstärkung der Bleche durch aufgenietete Winkeleisen verzichtet werden kann. Darüber hinaus entfällt das Bohren der Löcher (für die Nieten) und das Vernieten der Winkeleisen. So werden deutlich weniger Bauteile als bei Blech und Winkel- und Diamond-Drehgestellen benötigt und Gewicht, Arbeitszeit und Kosten spart.
Neben entsprechend leistungsfähigen hydraulischen Pressen wird allerdings für jedes Press-Bauteil (z. B. Seitenwange) ein spezifischer Formensatz (Matrize/Patrize, "male and female dies") benötigt wird. Die Pressblech-Technik ist daher nur wirtschaftlich darstellbar, wenn mit den Werkzeugen große Serien gefertigt werden können. [1]


Zur Entwicklung der Pressblechtechnik
1861 [2, S. 249] hatte John Haswell (geb. 1812 in Glasgow, ab 1840 Direktor der Lokomotivfabrik der StEG <Österreichisch-ungarische Staatseisenbahn-Gesellschaft>) hydraulische Schmiedepressen entwickelt, mit deren Gesenken Maschinenteile aus Metall geformt werden konnten [3], [4, S. 413 ff].

Abbildung siehe: Wikimedia: Lokomotivfabrik der StEG; (
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:StEG-Frabrik_Presse.jpg)

Ende der 1860er Jahre begann Krupp "Teile größerer Gegenstände für die verschiedensten Verwendungszwecke aus Blech zu pressen" [5, S. 1215], ab 1877 stellte Fox in Leeds Wellrohr-Feuerbüchsen her. Die dabei gewonnenen Erfahrungen übertrug Fox ab Mitte der 1880er Jahre zunächst auf die Fertigung von Teilen für Eisenbahn-Laufwerken, wenig später entwickelte er aus gepressten Blechen zusammengesetzten Drehgestelle [6, S. 469], die er sich ab 1888 patentieren ließ.

Davon unabhängig begann um 1892 auch die preussische Staats-Eisenbahn-Verwaltung (K.P.E.V.) mit der Entwicklung von Pressblech-Drehgestelle. Dabei handelte es sich zum einen um ein zweiachsiges
Drehgestell für D-Zug-Wagen, zum anderen um Prototypen eines Güterwagen-Drehgestells aus dem das mit Pressblech-Querträgern verstärkte Diamond-Drehgestell nach Musterblatt pr VId7 hervorgegangen ist.

Ein komplettes Exemplar des Reisezugwagen-Drehgestells sowie entsprechende, bei Krupp gepresste einzelne Bauteile präsentierten die K.P.E.V. und Krupp 1893 auf der Weltausstellung in Chicago.


Pressblech Drehgestell für Personenwagen, präsentiert in der Ausstellung von Friedrich Krupp auf der Weltausstellung 1893 in Chicago; Quelle: [7, S. 9 und 10, Collage G-D]

Etwa zeitgleich begann Preußen, für die Aufbauten offener Güterwagen (nach Musterblättern IIc5, IId1, IId3 und IId7/1. Bel.) Pressblech-Teilen (Türen, gebuckelte Seitenwand-Bleche) zu verwenden.
Zu dieser Zeit verfügte Krupp über eine von Tannet & Walker, Leeds, gebaute 5000 t-Presse [8, S. 904, 908]; Dingler 1895, S. 251], vom selben Hersteller sind 2000 t-Pressen für die Société Cockerill im belgischen Seraing und die im damals zu Österreich gehörenden Mähren gelegenen Witkowitzer Eisenwerke belegt [2, S. 251].


Witkowitzer Eisenwerke, Pressblechteile; Quelle: schlot.at – Industrie-Dokumentation [9]

Die Maschinenbau-Actien-Gesellschaft Nürnberg verfügte ab 1895 in Mainz Gustavsburg über ein Presswerk, das insbesondere für Straßenbahn-Unter- und Drehgestelle "alle ... erforderlichen Pressteile und Träger" (zunächst bis 1,8 m, ab 1906 bis 3,2 m Achsstand) baute [10, S. 435]. Ob das Werk Gustavsburg auch Teile für die nach Vorgaben der Internationalen Schlafwagen-Gesellschaft (ISG/CIWL) ab 1896 zweiachsigen, ab 1906 auch dreiachsigen Pressblech-Drehgestelle [10, S. 110 ff] geliefert hat, ist nicht belegt. Eigene vier- und dreiachsige Entwicklungen für normalspurige Personenwagen, wie etwa für die LAG-Triebwagen 501 ff und 772, für Mess- und Salonwagen, entstanden noch in die 1930er Jahre in Fachwerk- [10, S. 17, 38, 81, 87, 335, 337, 341, 355] oder Blech und Winkel-Bauweise [10, S.362 ff].

Für Ungarn sind Pressblech-Drehgestelle ab 1896 nachgewiesen: Zweiachsige Güterwagen-Drehgestelle (Achsstand 1,575 m) unter von Ganz, Budapest, gebauten vierachsigen gedeckten Wagen [11, S. 132. 135], zweiachsige Reisezugwagen-Drehgestelle (Achsstand 2,5 m; 3,7 m) unter von Ganz und Weitzer (Arad) gebauten D-Zugwagen [11, S. 92, 94 f] sowie dreiachsige - für die von Ganz gebauten Wagen des ungarischen Hofzuges [11, S. 98 ff]. Insbesondere die dreiachsigen Pressblech-Drehgestelle sprechen dafür, dass ab 1896 in Ungarn entsprechende Pressblechteile gefertigt werden konnten, wobei bislang nicht geklärt werden konnte, wem die dafür erforderlichen Einrichtungen zuzuordnen sind.

Wohl in den 1890er Jahren hat auch die sächsische "Aktiengesellschaft für Fabrikation von Eisenbahn-Material zu Goerlitz" hat wohl Pressblech-Drehgestelle gebaut. Da in der Beschreibung der Werkstatt für Eisengestellbau aus dem Jahr 1903 [12, S. 15] keine hydraulischen Pressen aufgeführt sind, wurden die dafür benötigten Pressblechbauteile vermutlich zugeliefert.


Schuppen für Eisengestellbau, Aktiengesellschaft für Fabrikation von Eisenbahn-Material zu Goerlitz, Bau von Reisezugwagen-Drehgestellen der Regelbauart aus Pressblech-Teilen; Quelle [12, Abb. A. 19]

Im nordfranzösischen Douai richtete Pierre Arbel die von ihm 1890 gegründete Schmiede ab 1896 auf das Stanzen und Pressen von Blechen aus und ließ 1900 eine Presse mit 3.000 Tonnen installieren. 1901 erwarb Arbel die Lizenz auf das "Fox"-Verfahren für die Herstellung von Wagenbauteilen und leitete damit die Entwicklung des Unternehmens zum Hersteller von (Pressblech-) Güterwaggons ein [13].


"Wagon Arbel", Pressblech-Selbstentladewagen für Kohle, Ladegewicht 50 t, mit Drehgestellen der Bauart Fox, Arbel vor 1911 [14, S. 785, Werkfoto Arbel].

Auf der Industrie- und Gewerbeschau in Düsseldorf präsentierte Krupp 1902 einen Schienenwagen mit Pressblech-Rahmen und Pressblech-Drehgestellen [5, S. 1215].

1904 entwickelte die Vereinigte Königs- und Laurahütte im Auftrag der Preußischen Staatsbahn einen zweiachsigen offenen Güterwagen (nach Musterblatt Cc7), dessen Untergestell und Wagenkasten vollständig aus Pressblechteilen hergestellt war. Die Königshütte verfügte über ein "Presswerk für Pressteile zu Waggons, Lokomotiven, Automobilen und Grubenwagen, fertig zum Einbau" und besaß "Musterschutz auf sämtliche Pressteile für diese Wagen" [15, S. 390 ff].

Die Siegener Eisenbahnbedarf AG ging aus den 1899 gegründeten "Stanz- und Hammerwerken Karl Weiß" hervor in denen um 1910 "mit modernen Dampf- und Fallhämmern Beschlagteile für Eisenbahnwagen und Lokomotiven" sowie "gestanzte und gepresste Massenartikel" [15, S. 282] produziert wurden.

Van der Zypen & Charlier verfügte um 1910 über ein Presswerk mit mehr als 12 hydraulischen Pressen, die mit 150 und 300 Atmosphären Druck arbeiteten [15, S. 203]. In einem etwa 1921 veröffentlichten Katalog [16, S. 4] heißt es: "Alle Teile zu den Eisenbahnwagen - mit Ausnahme der Radsätze - werden in der Fabrik selbst hergestellt. Hierzu gehören auch die Pressbleche und Pressblechrahmen für Drehgestelle und Untergestelle, deren Herstellung bereits vor 10 Jahren aufgenommen und in der letzten Zeit ganz bedeutend erweitert und vervollkommnet wurde. Über 20 hydraulische Pressen sind in Tätigkeit, um Bleche bis 20 mm Stärke in die verschiedensten Formen zu pressen. Die Gesenke und Pressformen hierzu werden sämtlich in der eigenen Gießerei des Werkes angefertigt, so dass auch neue Formen in kürzester Zeit hergestellt werden können."

Ende der 1920er Jahre wurde aus "Van der Zypen & Charlier" das Werk Deutz der Vereinigten Westdeutsche Waggonfabriken AG, in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre war das Deutzer Werk maßgeblich in die Entwicklung von Leichtbau-Kesselwagen, Wannentendern und geschweißte Pressblech-Drehgestelle eingebunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte das BZA Minden in Zusammenarbeit mit dem Deutzer Werk das Minden Deutz-Drehgestell für Reisezugwagen.
1959, nach der Übernahme der "Westwaggon" durch Klöckner Humboldt Deutz wurde in Deutz der Schienenfahrzeugbau eingestellt, die Drehgestell-Kompetenzen an die "Siegener Eisenbahnbedarf AG (SEAG)"/"Rheinstahl" übertragen.

Zur Konzeption dieses Kapitels
Während in Amerika die aus Pressblechteilen aufgebaute Güterwagen-Drehgestelle nur kurz und als "Übergangsform" in Erscheinung traten, hieltem europäische Bahnverwaltungen und Konstrukteure lange Zeit an der Pressblechtechnologie fest und entwickelten insbesondere Pressblech-Drehgestelle mit Blattfedern weiter.
Da den von Samson Fox entwickelten Pressblech-Drehgestellen mit schraubengefederten Radsätzen eine besondere Bedeutung bei der Weiterentwicklung der Diamond-Drehgestelle zukommt, habe ich die damit in Zusammenhang stehenden Entwicklungen auf den folgenden Seiten unter der Rubrik "Pressblech, genietet - Fox" zusammengefasst.


Quellen:
[1] Ossig, Rudolf: Persönliche Informationen und Unterlagen; ihm verdanke ich eine erste profunde Einführung in die Thematik "Formgebungsverfahren", die auf dieser Internetseite bis 2018 unter "Sonstiges - Konstruktion: Formgebungsverfahren" zu lesen war.
[2] NN: Neuere Schmiedepressen (in: Dinglers Polytechnisches Journal, 1895. 76. Jahrg. Bd. 297, Heft 11, S. 249 - 254);
Online: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj297/ar297061 <abgerufen 06. 01 2018>
[3] Wikipedia: Lokomotivfabrik der StEG
Online: https://de.wikipedia.org/wiki/Lokomotivfabrik_der_StEG - <abgerufen 08. 02 2018>
[4] NN: Hydraulische Presse zum Schnellschmieden. (in: Dinglers Polytechnisches Journal, 1863. Bd. 169, 5. Heft, S. 413 - 415 mit Abbildungen auf Tafel VI)
Online: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj169/ar169109 <abgerufen 25. 01 2018>
[5] Buhle: Das Eisenbahn- und Verkehrswesen auf der Industrie- und Gewerbeschau in Düsseldorf (in: Zs. des Vereins dt. Ingenieure, Band 46, Heft 33 v. 16. August 1902, Slg. Bengt Dahlberg)
[6]
White, John H. jr.: The American Railroad Freight Car. From the Wood Car Era to the Comming of Steel. John Hopkins University Press. Baltimore, 1993
[7] Verein deutscher Maschinen-Ingenieure, Versammlung vom 28. März 1893, Vortrag Civil-Ingenieur G. Lentz: Die Ausstellung von Fried. Krupp in Essen (Rheinpreußen) auf der Chicagoer Weltausstellung 1893 (in: Glasers Annalen, Bd. 33, Heft 385, S. 8 ff.)
Online: http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/64887/1/0/ <abgerufen 23. 12. 2017>
[8] Tweddell, Ralph Hart: Schmieden mittels dydraulischen Drucks. (in: Stahl und Eisen. Zeitschrift für das deutsche Eisenhüttenwesen. 14. Jahrg., 1894, Heft 20, S. 900 - 908)
Online: http://delibra.bg.polsl.pl/dlibra/aresults?action=SearchAction&QI=21C8CC15A8C15CC67DE8F807B902CA5A-25 - <abgerufen 08.02.2018>
[9] Witkowitzer Bergbau- und Eisenhütten-Gewerkschaft (Vítkovické železárny): Katalog. (ca. 1903)
Online: https://schlotforum.wordpress.com/2010/12/04/cz-ostrava-vitkovice-witkowitzer-bergbau-und-eisenhutten-gewerkschaft-gussstahlfabrik-1903/ - <(schlot.at – Industrie-Dokumentation, abgerufen 08. 12. 2017>
[10] Uebel, Lutz; Richter, Wlfgang D. (Hrsg.): 150 Jahre Schienenfahrzeuge aus Nürnberg. Freiburg 1994
[11]
Szécsey István, Villány, György: Ganz - Vasúti jáművek 1868 - 1919 Railway Vehicles 1868 - 1919. Budapest 2015
[12] Aktien-Gesellschaft für Fabrikation von Eisenbahn-Material zu Goerlitz: (Festschrift und Katalog.) Herausgegeben zum 12. Juli 1903 aus Anlass des 100jährigen Geburtstages des Begründers der Waggonfabrik zu Goerlitz Johann Christoph Lüders und des 50jährigen Bestehens der Fabrik auf ihrem heutigen Gelände (= Nachdruck Freunde der Eisenbahn Hamburg. Ahrensburg, 2015, http://www.fde-hamburg.de/veroeffentlichungen/)
[13]
Callite, Anne: Une entreprise en territoire occupé: Arbel à Douai (1914-1919). (= Revue d’histoire des chemins de fer. Livraison 35/2006 : Les chemins de fer. De l’histoire diplomatique à l’histoire de l’art.
Online: http://journals.openedition.org/rhcf/511 - <abgerufen 08. 02. 2018>
[14] Henry, M. A.: De l'Influence des Wagons de grande Capacité sur les Crises de Transport. (dans: Bulletin de la Societe d' Encouragement pour l' Industrie Nationale, 110e Année. Premier Semestre, Juin 1911, p. 773 - 805).
Online: http://cnum.cnam.fr/CGI/fpage.cgi?BSPI.116/769/100/906/0/0 - <abgerufen 08. 02. 2018>
[15] Hoff et al.:
Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart. Band 2; Berlin, Verlag Reimar Hobbing, 1911 Online: http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/48-A-1087-2 - <abgerufen 08. 02. 2018>
[16] Van der Zypen & Charlier: Katalog der Abteilung für Kesselwagen, Topfwagen und Spezialwagen (ca. 1920, = Nachdruck 2015 aus dem Norddeutschen Nah- und Schienenverkehrs-Archiv in Ahrensburg/Freunde der Eisenbahn)

 

zurück - weiter - Top
Impressum
_