Güterwagen-Drehgestelle: Minden Dorstfeld - ORE-Ausführung (mit Schwerpunktaufhängung)

Version 4.01.91.1, Stand: 19. April 2013

Inhaltsverzeichnis - Minden Dorstfeld/ORE Hauptmerkmale - Entwicklung - Ausführungsvarianten, Bauarten 931, 932, 934 - Sonderbauarten - ORE-Ausführung (mit Schwerpunktaufhängung) - ORE-adäquate Bauarten - SEAG 54 - nächstes Kapitel - Impressum

Einführung - 
Normalspur, Gleitachslager: LHB Iran-Export
Normalspur, Rollenlager:
Frankreich: Y 19 - Schweden: G 56 - Ungarn: ORE - Italien: C 20, C 20a, ORE, ORE f, ORE 46 f - Niederlande - Belgien, Luxemburg, Dänemark - Jugoslawien
Breitspur: Spanien - Finnland
 

Einführung
Die Frage drängt sich auf, warum hier zwischen Minden Dorstfeld- und ORE-Drehgestell unterschieden wird. Dafür gibt es eine didaktischen und eine technische Begründung.
Der didaktische Grund ist, dass die Bezeichnung "Minden Dorstfeld-Drehgestell" nur in Deutschland gebräuchlich ist, während international vor allem die Bezeichnung UIC Standard- oder ORE-Drehgestell geläufig ist. Da es mittlerweile drei Drehgestell-Bauarten gibt, die den Status eines "UIC Standard-Drehgestells" hatten (Minden Dorstfeld, Minden Siegen, Y 25), wird hier die dem zeitgenössischen Sprachgebrauch näher kommende Bezeichnung "ORE-Drehgestell" analog zur Bezeichnung "Minden Dorstfeld" verwendet.
Technisch begründet sich diese Unterscheidung durch die Aufhängung der Bremsklotzschuhe. Beim Minden Dorstfeld-Drehgestell sind die Bremsklotzschuhe nicht im Schwerpunkt (Güterwagen Drehgestelle - Sonstiges: Schwerpunktaufhängung) aufgehängt und verfügen daher über eine Rückstellfeder. International, beim ORE-Drehgestell, hat man - soweit ich das auf Grund vorliegender Fotos erkennen kann - bereits Mitte der 1950er Jahre die Aufhängung der Bremsklötze im Schwerpunkt präferiert.
 


LHB Iran-Export, 1960
  ORE-Drehgestell
  LHB Exportausführung für den Iran
  mit Peyinghaus "Isothermos" (Gleitachs-)Lagern mit mechanischer Schmierung

  verwendet bei 63 m³ Kesselwagen, Baujahr 1960 (mittragend, vier Kesselschüsse, mit 
  Schwallblechen, ohne Heizeinrichtung für die Iranische Staatsbahn

  Quelle: Werkfoto LHB, Slg. Paul Scheller (Ausschnitt)

Diese Drehgestelle wurden erst 1960 gebaut. Der Rahmen entspricht daher der jüngeren Ausführung (kreisrunde Bremsschaulöcher). Nicht erkennbar ist, ob bei diesen Drehgestellen UIC-Radsätze mit 2000 mm Achschenkelmittenabstand zum Einsatz kamen und ob die Bremsklotzschuhe - wie eigentlich international üblich - im Schwerpunkt aufgehängt waren. Deutlich erkennbar ist jedoch, dass diese Drehgestelle nicht mit Rollenachslager ausgestattet sind, sondern mit einer Spezialausführung von Gleitachslagern, den Peyinghaus "Isothermos" Achslagern.


Frankreich: Y 19
  ORE-Drehgestell, SNCF Y 19 
  ohne Bremse

  Quelle: Sammlung Francis Albert

Dieses Drehgestell hat dreieckförmige äußere Bremsschaulöcher und genietete Gleitbacken. Obwohl das Drehgestell nicht gebremst ist, sind die schräg angeordneten Langträger und der rohrförmige Queträger zur Aufhängung des Bremsgestänges vorhanden.
 
  ORE-Drehgestell, SNCF Y 19 A
  mit Bremse (Schwerpunktaufhängung)

   SNCF Rs 80.1, 11 87 390 0 225-1; Brake, Juli 1982, Ausschnitt 
   Foto: Braker Waggonfoto, Klaus Kirsch

Schweden: G 56
  ORE-Drehgestell, SJ G 56

   SJ 506 643 P, Olsson, 1962?; Hameln, 3. Sept. 2008
   Drehgestell gehört zu 37 80 D-NACCO 791 2 657-9 Zagkks,
   ex 33 74 781 3 073-0, Olsson 1962

Äußerlich entsprechen dieses schwedische ORE-Drehgestell G 56 weitgehend, bis auf die Ausführung des mittleren Federbocks, den hier gezeigten französischen Y 13. Die Anordnung der Träger für die Bremsaufhängung entspricht beim ungebremsten Y 19 in etwa der Zeichnung Fwg 1092.04.80, beim schwedischen G 56 in etwa der Fwg 931.04.000.02.
 
 
ORE-Drehgestell SJ G 56 M, mit Wiegeventil; Foto: Ulf L Eriksson   ORE-Drehgestell, SJ G 56 M
  mit Wiegeventil

   GC Sgs 82 74 454 0 023-3
   Foto: Ulf L Eriksson, 12. Juli 2008


 
Minden Dorstfeld-Drehgestell mit Schwerpunktaufhängung, Schweden   ORE-Drehgestell, SJ G 56 S mit Drehkranz 
  und integrierter Bremse
  (siehe auch: Minden Dorstfeld - Sonderbauarten)
  Hersteller: Olsson, Baujahr ?

  SJ Qbi (?) 84 74 985 0 012-7, ex 21 74 929 0 004-8, 
   LüP 12,2 m; Foto: Bengt Dahlberg

Ungarn: ORE
  ORE-Drehgestell, Ungarn ORE
  Hersteller: RABA ("in den 1960er Jahren)

   Zakks 33 55 790 1214-7, H-Celldömölk, 21. April 2006
   Foto: Tamás Piri

Auch die ungarischen ORE-Drehgestelle entsprechen äußerlich den französischen Y 13 und den schwedischen G 56: dreieckige äußere Bremsschaulöcher, Schwerpunktaufhängung, genietete Gleitbacken, Federböcke in geschweißter oder Pressblech-Ausführung. Die Gestaltung der Träger für die Bremsaufhängung weist aber wiederum Unterschiede auf.
 
 ORE-Drehgestell, Ungarn ORE

  H-Celldömölk, 23. Dezember 2005, Fotos: Tamás Piri 

Die Anschläge für die Aufhängung des Bremsgestänges sind an einem Rohrquerträger angeschweißt. Dieser Rohrquerträger ist jedoch nicht oberhalb der U-Langträger angesetzt und stumpft aufgeschweißt, während er beim "klassischen" ORE-/Minden Dorstfeld-Drehgestell zu den Enden hin flanschartig ausläuft und auf der Oberkante der U-Langträger aufgeschweißt ist.
Außerdem scheint die Drehpfanne bei diesem Drehgestell tiefer zu liegen, als bei "konventionellen" ORE-/Minden Dorstfeld-Drehgestellen.

Italien: C 20, C 20a, ORE, ORE f, ORE 46 f
Bisher wurden ausschließlich ORE-Drehgestelle mit dreieckförmigen Bremsschaulöchern und aufgenieteten Gleitbacken vorgestellt. Man könnte diese Bauform eventuell als die "ältere" bezeichnen, auch wenn das nicht immer mit dem Baujahr korrespondiert. Auf Grund der zur Verfügung stehenden Materialbasis lässt sich am Beispiel Italien aufzeigen, dass es auch bei den ORE-Drehgestellen mit Schwerpunktaufhängung eine zweite "jüngere" Bauform gibt, die durch kreisrunde Bremsschaulöcher und geschweißte Gleitbacken an den Achshalter-Ausschnitten gekennzeichnet ist.
 
  ORE-Drehgestell, FS C 20, C 20 a 
  mit dreieckförmigen äußeren Bremsschaulöchern

  Skizze: Hermann Jahn, auf Grundlage einer Skizze aus einem
   Wagen-Album der FS, gefunden im Internet auf der 
   Homepage von Giorgio Donzello

siehe auch: http://www.rotaie.it/Rotaie.it.data/Disegni/DisegniCarrelliAlbum/C-20--C-20-a.jpg

Auch wenn aus der Skizze nicht hervorgeht, wie die Gleitbacken an den Achshalterausschnitten befestigt sind, ist anzunehmen, dass diese Drehgestelle der älteren ORE-Ausführung (mit genieteten Gleitbacken) entspricht.
 
  ORE-Drehgestell, FS ORE
  mit kreisrunden Bremsschaulöchern

  Skizze: Hermann Jahn, auf Grundlage einer Skizze aus einem
   Wagen-Album der FS, gefunden im Internet auf der 
   Homepage von Giorgio Donzello

siehe auch: http://www.rotaie.it/Rotaie.it.data/Disegni/DisegniCarrelliAlbum/ORE.jpg

Diese Skizze verkörpert die jüngere Ausführung des ORE-Drehgestells. Es kann mit ziemlicher Sicherheit davon ausgegangen werden, dass die Gleitbacken bei diesen Drehgestellen aufgeschweißt sind.
 
  ORE-Drehgestell, FS ORE F, ORE 46 F
  mit kreisrunden Bremsschaulöchern

  Skizze: Hermann Jahn, auf Grundlage einer Skizze aus einem
   Wagen-Album der FS, gefunden im Internet auf der 
   Homepage von Giorgio Donzello

siehe auch: http://www.rotaie.it/Rotaie.it.data/Disegni/DisegniCarrelliAlbum/ORE-F---ORE-46-F.jpg
 
 ORE-Drehgestelle  FS C 20  FS C 20 a  FS ORE  FS ORE F  FS ORE 46 F
 max. Laufkreis-Durchmesser  1000 mm  1000 mm  1000 mm  1000 mm  920 mm
 Gleitstück-Oberkante über SO  960 mm  960 mm  960 mm  960 mm  920 mm
 Oberkante der oberen Drehpfanne
 über SO (Hauteur centre crapaudine)
 890 mm  885 mm  945 mm  945 mm  905 mm

Niederlande
Die Nederlandse Spoorwegen (NS) beschafften 1957 eine erste Serie von vierachsigen UIC-Flachwagen. Diese waren mit ORE-Drehgestellen der älteren Bauform ausgestattet.
 
  ORE-Drehgestell, NS
  mit dreieckförmigen äußeren Bremsschaulöchern
  und Schwerpunktaufhängung

  NS 89301 S-HTS (= UIC SS)
  Werkspoor N.V., 1957
  Foto: NS, Sammlung Nahon


 
  ORE-Drehgestell, NS
  mit dreieckförmigen äußeren Bremsschaulöchern
  und Schwerpunktaufhängung

  Werkspoor N.V., 1957
  Foto: NS, Sammlung Nahon, Bearbeitung: Hans Nahon


 
  ORE-Drehgestell, NS (ältere Bauform)
  mit wageninnenseitig 2 Rohrquerträgern

   Grundlage: Zeichnung NS W 100.400
   Werkspoor N.V., 1957 (X 01001-10)
   Foto: NS, Sammlung Nahon

  Minden Dorstfeld-Drehgestell
  mit wageninnenseitig einem Rohrquerträger
  nach Zeichnung Fwg 1092.04.80

  Quelle: DV 939 F, Jan. 1967 (bearbeitet)

Die spontan ins Auge fallenden Unterschiede zwischen den beiden vorstehenden Skizzen hängen mit den verwendeten Quellen zusammen, die tatsächlich relevanten Unterscheidungen sind durch die Unterlegung mit Grautönen hervorgehoben. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass die Rohrquerträger beim niederländischen ORE-Drehgestell nicht auf (wie beim Minden Dorstfeld) sondern an den schrägen Hilfslangträgern angeschlagen sind. Beachtenswert sind ferner die Aufnahmen für die Bremsfangeisen an den Hilfslangträger.

Vermutlich ist diese Ausführung nur in geringer Stückzahl gebaut worden. Selbst auf Fotos von Wagen der ersten Serie finden sich ORE-Drehgestelle der jüngeren Bauform, die allerdings durch Tausch zu diesen Wagen gelangt sein könnten. Die letzte Serie der NS UIC-Rs wurde 1962 in Uerdingen gebaut. Es liegt daher nahe, anzunehmen, dass die Drehgestelle dieser Wagen (abgesehen von der Aufhängung der Bremsklotzschuhe) deutschen Minden Dorstfeld-Drehgestellen entsprochen haben.

Ebenso wie die NS selbst haben auch Privatwagen-Einsteller regelmäßig Wagen und gegebenenfalls auch deren Drehgestelle bei ausländischen Herstellern bauen lassen. Es muss davon ausgegangen werden, dass sich diese Hersteller dabei zum einen an die Vorgaben der Kunden gehalten haben (wie etwa die Forderung nach Schwerpunktaufhängung), zum anderen aber auch eine kostengünstige Fertigung angestrebt haben. Die Unternehmen dürften daher danach getrachtet haben, so weit wie möglich auf vorhandene Produktionsverfahren zurückgreifen zu können, als auch eventuell anfällige Lizenzgebühren zu vermeiden.
 
 

  ORE-Drehgestell, jüngere Ausführung, NS 

  VTG Benelux Zagkks 820 33 84 791 2 838-5
  Drehgestell: Gd 581, Nis 1964
  Hameln, 17. Juli 2002, ID 223.34A oben, 223.35A unten

Belgien, Luxemburg, Dänemark
Auch die Staatsbahnen dieser drei Länder haben den standardisierten UIC Drehgestell-Flachwagen beschafft. Leider liegen mir zu den Drehgestellen dieser Wagen bislang keine weiteren Informationen vor, es würde mich aber wundern, wenn diese Wagen nicht mit ORE-Drehgestellen (= mit Schwerpunktaufhängung) ausgestattet waren.

Analog zu den Gegebenheiten in den Niederlanden könnte es auch bei den SNCB, bei der CFL und den DSB ORE-Drehgestelle sowohl in der älteren wie auch in der jüngeren Ausführung gegeben haben. Diese Drehgestelle sind Gegenstand weiterer Recherchen.

Jugoslawien
Mehrere Waggonfabriken im ehemaligen Jugoslawien haben für ausländische Bahnverwaltungen spätestens ab den 1960er Jahren Wagen mit Drehgestellen nach UIC-Standard gebaut, ein Beispiel dafür wurde bereits in unter der Rubrik "Niederlande" gezeigt. Aber auch diesbezüglich sind weitere Recherchen angezeigt.

Breitspur
- Spanien
  ORE-Drehgestell, RENFE
  für die spanische Breitspur 

   RENFE Tapps 81 71 565 7 165-1; 
   Foto: Jan Kraft, Almeria, Juli 1988, Ausschnitt

Nicht bekannt ist mir bislang, ob es solche Drehgestelle bei der Transfesa mit Spurwechsel-Einrichtung gegeben hat.

- Finnland
  ORE-Drehgestell, VR Typ K 14 arc (K 14 a)
  für finnische Breitspur, Drehpfannenverriegelung
  (andere Seitenwange)

  VR Pasilan konepaja (= VR Ausbesserungswerk Pasila), 
  F-Nr. 2482, 1976
  Foto: Olli Savela, Turku (Umachsanlage), 5. Juni 2007


 
  ORE-Drehgestell, VR Typ K 14 arc (K14 kja)
  für finnische Breitspur, Drehpfannenverriegelung,
  mit Gelenkarmen zur Ansteuerung eines
  Wiegeventils

  VR Pasilan konepaja (= VR Ausbesserungswerk Pasila), 
  F-Nr. 4829, 1978
  Foto: Olli Savela, Turku (Umachsanlage), 5. Juni 2007

Das finnische K 14 wurde ab 1961 in Anlehnung an das ORE- bzw. Minden Dorstfeld gebaut und ist laut Olli Savela auch heute noch die in Finnland am häufigsten vorkommende Güterwagen-Drehgestellbauart. Besonders markant ist sind die Verstärkungsgurte in den inneren Bremsschaulöchern.
(Anschriften an beiden Drehgestellen: K 14 arc, Angaben auf Herstellerschild: K 14 a - für Drehgestell mit Drehpfannenverriegelung, aber ohne Wiegeventil, K 14 kja - für Drehgestell mit Drehpfannenverriegelung und Wiegeventil)
 
 


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